Wofür stand der Begriff Lehnswesen im Mittelalter?

Das Lehnswesen im mittelalterlichen Europa war die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Es beruhte im Wesentlichen darauf, dass der Besitzer von Gütern (Schlössern, Ländereien, Wälder) seinen Vasallen mit einem Teil dieser Güter belehnt. Der Vasall durfte daraufhin diese Güter nutzen und die Erträge daraus behalten. Dieser Teil des Lehnswesens entspricht dem heutigen Pachtverhältnis. Mit dem Unterschied, dass bei einem Pachtverhältnis eine Geldzahlung an den Pächter geleistet wird, bei einem Lehen hingegen eine Dienstleistung dem Lehnsherrn erbracht werden muss. Solche Dienstleistungen waren meist persönliche Dienste des Vasallen an seinen Lehnsherren.

Der Vasall war Dienstleister gegenüber dem Lehnsherren

Beispielsweise musste der Vasall dem Lehnsherren im Kriegsfall mit Mann und Material beiseite stehen. Er musste ihm die Steigbügel halten oder als Mundschenk bei Festivitäten zur Verfügung stehen. Der Lehnsherr wiederum hatte hier eine Verpflichtung zu Schutz und Schirm gegenüber dem Vasallen. Er musste ihn und dessen Eigentum gegen Angriffe jeder Art schützen. Das Verhältnis des Vasallen gegenüber dem Lehnsherren kann beschrieben werden mit Rat und Hilfe. So entstand aus der Vergabe von beispielsweise Ländereien, also Sachgütern, ein gegenseitiges Dienst- und Werkleistungsverhältnis – und so würde man dies jedenfalls nach heutigen kaufmännischen Regeln bezeichnen.

Aus diesen gegenseitigen Beziehungen heraus entstanden noch weitergehende Verpflichtungen, denn oftmals war der eigene Lehnsherr wiederum Vasall eines anderen Lehnsherren usw. So konnte es entsprechend also durchaus passieren, dass ein Adeliger Dienste für einen anderen Adligen leisten musste, der wiederum bei einem weiteren Adligen in Diensten stand. Aus diesen Verhältnissen entwickelten sich dann der höhere bzw. niedrigere Adel.

Insbesondere in Kriegszeiten waren diese Verflechtungen sehr bedeutend für die Entwicklung des Landes, denn es konnte passieren, dass ein Vasall einem weit entfernten Lehnsherren über diese verschiedenen Stufen Dienste leisten musste. Und da die Regel herrschte, dass, wenn der Vasall im Dienste seines Lehnsherrn umgekommen ist, dessen Lehen an den Lehnsherren zurückfiel, ergab sich ein Flickenteppich von Ländereien in Europa. Weit entfernte Gebiete gehörten plötzlich zusammen. Benachbarte Gebiete gehörten verschiedenen Adeligen in weit auseinanderliegenden Ländern.

Durch die absolutistische Herrschaft in Frankreich wurde diese Kleinstaaterei beendet. In Deutschland hingegen, dem Zentrum Europas, wurde erst durch die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Wandlung zum Kapitalismus hin ein Zentralstaat gegründet. Denn die Kleinstaaterei, gewachsen aus der Lehensherrschaft des Mittelalters, war eine massive Bremse für die Entwicklung von Handel, Wirtschaft und Bürgertum. Wenn man das heutige Europa betrachtet, kommt man jedoch nicht um hin, irgendwie wieder an Lehensherrschaft zu denken.

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