Ältester Sohn des Liudolf dux und der Oda,
Tochter von Graf Billung
Lexikon des Mittelalters: Band II Seite 752
********************
Brun, Herzog von Sachsen 866-880
-------
Auf ihn bezieht sich der Bericht der Fuldaer Annalen zum Jahre 880 von einer großen Abwehrschlacht gegen die Normannen "in Saxonia". Das Treffen, das nicht genauer zu lokalisieren ist, brachte für das sächsische Aufgebot schwere Verluste. An der Spitze der langen Liste gefallener Grafen wird Brun genannt, "dux und Bruder der Königin". Dieser dux war der Sohn des 866 verstorbenen Liudolf (Xantener Annalen), der schon zur Zeit Ludwigs des Deutschen als Erster Mann in Sachsen galt und das Stift Gandersheim gründete. Bruns Mutter war Oda, eine hochgestellte fränkische Frau aus dem Hause des Billung (Hrotsvith, Primordia Coenobii Gandersheimensis, 21ff.) Die Bezeichnung dux für Brun in einer kritischen Phase erneuter Wikingergefahr im Ost- und Westreich macht deutlich, dass ein militärischer Oberbefehl auf die Dauer in Sachsen notwendig geworden war. Das führte zur Stabilisierung des "Stammesherzogtums" im Geschlecht der LIUDOLFINGER. Nach Bruns Tod folgte im Dukat daher sein jüngerer Bruder Otto ("der Erlauchte"), der Vater des späteren Königs HEINRICH I., unmittelbar nach. Bruns Schwester Liutgard war mit König Ludwig dem Jüngeren vermählt, ein weiteres Zeichen für den hohen Rang, den die Familie der Familie der LIUDOLFINGER in Sachsen und im Ostreich erlangt hatte. Von Kindern und Enkeln Bruns wissen wir nicht, doch lebte sein Name als Leitname im Geschlecht weiter.
Literatur:
-----------
B.W. Lüders, Die Liudolfinger - ein altsächsisches
Geschlecht, Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte der Comitate
des Werler Grafenhauses, WZ 100, 1950, 9-133 - S. Krüger, Studien
zur sächsischzen Grafschaftsverfassung im 9. Jh. Studien und Vorarbeiten
zum Historischen Atlas Niedersachsens, 19. H., 1950 - K. Jordan, Herzogtum
und Stamm in Sachsen während des hohen Mittelalters, NdsJb 30, 1958,
1-27 - R. Wenskus, Sächsischer Stammesadel und fränkischer Reichsadel,
AAG, 1976.
BRUN Graf 877
---------
+ gefallen gegen die Normannen 2.II.
880
BRUNO
-----------
+ 880 gefallen
Folgt 866 dem Vater, setzt die Abwehrkriege gegen Normannen
und Slawen fort und fällt bei Hamburg
II, 3 BRUN
---------------
* c 830/40, + 880 II 2
Graf ("ducatus totius Saxoniae")
Filiationsbeleg: Brun ist
als älterer Bruder Herzog Ottos des Erlauchten in Hrotsviths
Primordia coen. Gandeshem. v 361-370 bezeugt. Widukind I c. 16, S. 25 f,
kennt dagegen die Verwandtschaftsverhältnisse der frühen LIUDOLFINGER
nicht
mehr genau: er verwechselt den Gemahl der Schwester Bruns,
Liutgards,
nämlich König Ludwig den Jüngeren,
mit König Ludwig dem Kind. Es
ist aber auch gut denkbar, dass sich hinter dieser Verwechslung eine bewußte
Geschichtsklitterung des Corveyers verbirgt, um die Translation der Königswürde
an die Sachsen zu rechtfertigen. Im übrigen hat Widukind den einzigen
direkten Beleg für die Filiation Liudolf dux - Brun.
"Qui [Ludwig das Kind] cum accepisset
uxorem nomine Liudgardam, sororem Brunonis
ac
magni ducis Oddonis, non multis post haec vixerat annis. Horum pater Liudolfus,
qui Roman profectus transtulit reliquias beati Innocenti papae."
Brun
ist außerdem als Bruder der Königin
Liutgard genannt in den Annales Fuldense a. 880, S. 94, bei
dem Bericht über die Schlacht gegen die Dänen, in der unser Brun
gefallen
ist. Zusammen mit seinem Bruder Otto dem Erlauchten, seiner Schwester,
der Königin Liutgard, und mit
seinem Vater ist Brun in D Lu d J.
3 von 877 I 26 urkundlich erwähnt; dieses Diplom bezeugt auch das
Grafenamt, das er innehatte.
Den Todestag Bruns
können wir dem Bericht Thietmars II c. 23, S. 66, entnehmen sowie
dem Fuldaer Nekrologannalen, SS XIII 184; vgl. dazu FW Kommentar G 12.
Die Amtsstellung Bruns hat
Widukind I c. 16, S 26, ungefähr 100 Jahre später mit "ducatus
totius Saxoniae" beschrieben. Hrotsvith, Primordia coenobii Gandeshemensis
v. 368, nennt Brun "dux". Die Forschung vertrat bei der Interpretation
dieser Nachrichten unterschiedliche Ansichten: während Tellenbach,
Königtum S. 14, die Belege für eine aus dem Rückblick gewonnene
Glorifizierung hält, mißt Schlesinger, Entstehung, Seite 142,
diesen Quellen des 10. Jahrhunderts Glaubwürdigkeit zu.
Die lokale Braunschweiger Überlieferung sieht in
unserem Brun, den Sohn des Liudolf
dux, den Stammvater der BRUNONEN (einer im Raum Braunschweig
auftretenden Grafensippe mit den Leitnamen Liudolf und Bruno). So nennt
die Braunschweiger Reimchronik c. 8, S. 467 (und davon abhängig die
Cronica ducum de Brunswick c. 1, S. 577), Brun
den
Ahnherrn
des Braunschweiger Grafenhauses; vgl. hierzu zuletzt Last, Anfänge
passim. Nach Döll, Kollegiatstifte S. 18 bis 22, lassen sich für
die Abstammung der BRUNONEN von unserem
Brun
folgende Argumente anführen:
+ gleiche Leitnamen,
+ enge Nachbarschaft der Güter beider Familien,
+ die bevorzugte Verehrung Johannes des Täufers
bei beiden Verwandtengruppen und das häufig auftretende Gegen-Königtum
gerade bei den Angehörigen der BRUNONEN-Familie
(vgl. hierzu v. a. die Kandidatur des Bruno comes de
Brunswic, bezeugt in Thangmars Vita Bernwardi c. 38, SS IV 775, in Zusammenhang
mit den von Hlawitschka, Merkst Du nicht, Thronkandidaturen und Untersuchungen,
entwickelten These zur Rolle von Geblütsrecht und Wahlrecht bei der
Thronfolge 1002!). Doch auf der anderen Seite gibt es, was als ein gewichtiges
Argument zu bewerten ist, keinen nur einigermaßen zeitgenössischen
Quellenbeleg, um die Abstammung der BRUNONEN von Liudolf dux
zu
untermauern; so eindringlich Schölkopf, Grafen S. 106.
Es sei abschließend noch darauf hingewiesen, daß
die Notiz des Agius in der Vita Hathumodea c. 2, SS IV 167, ein Bruder
der ersten Gandersheimer Äbtissin sei mit einer "neptis regnum" vermählt,
nicht auf den ältesten Bruder Bruno
zu beziehen ist, sondern auf Otto den Erlauchten (vgl. II,2). Dieser
Fehler von Pertz (Anm. 2 zu der zitierten Stelle) fand Eingang in die genealogische
Tafel in dem Buch von Leyser, Herrschaft.
In Sachsen wurde unglücklich gegen die Normanne gekämpft; denn die Normannen blieben Sieger und töteten 2 Bischöfe, Theoderich und Markwart, und 12 Grafen: Herzog Brun, den Bruder der Königin, Wigmann, Bardo, einen anderen Bardo, einen dritten Bardo, Thiotheri, Gerich, Luiutolf, Folcwart, Avan, Thiotric, Liuthar, samt allen, welche ihnen folgten.
Diwald Hellmut: Seite 115
*************
"Heinrich der Erste"
Liudolfs ältester Sohn Brun wird in den Fuldaer Annalen ebenfalls als Herzog bezeichnet. Ähnlich wie bei seinem Vater braucht diese Titelzuweisung nichts anderes zu bedeuten, als daß Brun Inhaber der herzoglichen Gewalt in Sachsen gewesen ist. Er kämpfte wiederholt gegen die dänischen Normannen, das letzte Mal am 2. Februar 880 in einer wilden Winterschlacht bei Ebbekesdorp, in der die Sachsen eine fürchterliche Niederlage hinnehmen mußten; ein großer Teil des sächsischen Adels verlor an diesem Tag sein Leben, auch Brun fiel in der Schlacht. Ansonsten ist von Brun kaum etwas bekannt; wir wissen auch nichts von einer Nachkommenschaft. Gleichwohl scheint sich sein Format nicht an das Mittelmaß gehalten zu haben, sonst hätte ihn die Legende wohl kaum mit der Gründung von Braunschweig, nämlich von Brunswiek, in Verbindung gebracht und ihn zum Ahnherrn des um 1090 ausgestorbenen Adelsgeschlechts der BRUNONEN erhoben. Brun gilt deshalb als Stammvater der WELFEN.
Während Bruns Herrschaft
stand Sachsen weiter unter unmittelbaren königlichem Befehl, denn
Ludwig
der Jüngere zog 869 mit einem sächsisch-thüringischen
Heer gegen die Sorben und drei Jahre später gegen die Mährer.
Der sächsische Heerbann nahm auch 876 an den Kämpfen Ludwigs
des Jüngeren gegen KARL II. DEN
KAHLEN teil. Brun übernahm
die väterliche Stellung, setzte im Auftrage
Ludwigs
des Jüngeren die Abwehrkriege gegen Normannen und Slawen
fort und fiel zusammen mit 11 Grafen und 18 satellites regii in der furchtbaren
Dänenschlacht bei Hamburg, in der fast das ganze aus Ostfalen und
Engern bestehende sächsische Heer vernichtet wurde.Brun
wurde in den Fuldaer Annalen noch zu den Grafen gerechnet und erhielt nur
als Zusatz den Titel "dux". Er erkannte seinen Schwager als Oberherrn
an und war vermutlich nicht als Amtsherzog in Sachsen mehreren Grafen dauerhaft
übergeordnet. Brun ist der Gründer
von Braunschweig.
Brüsch, Tania: Seite 26,101,106
************
"Die Brunonen, ihre Grafschaften und die sächsische
Geschichte. Herrschaftsbildung und Adelsbewußtsein im 11. Jahrhundert."
Bleiben noch die späten Hinweise auf die Verwandtschaft
zwischen den BRUNONEN und den LIUDOLFINGERN/OTTONEN:
Die Historiographie des Braunschweiger WELFEN-Hofes
überliefert solche Zusammenhänge. So berichtet die Ende des 13.
Jahrhunderts entstandene Cronica ducum de Brunswick im ersten Kapitel davon,
daß Liudolfus dux Saxonie drei Söhne mit Namen Otto,
Bruno
und Tanquard gehabt habe, von denen die beiden letzteren die Gründer
Braunschweigs seien, die zusammen im Kampf gegen die Dänen den
Tod gefunden hätten, so daß Otto als einziger Überlebender
dux
Saxonie geworden sei [19 Von dieser Schlacht berichten auch
die Fuldaer Annalen; hierzu und zur Umdeutung zur Naturkatastrophe bei
Widukind vgl. Althoff, Ottonen, Seite 20f; ausführlich vgl. unten
Anm. 23]. Dieser Otto war der Vater HEINRICHS
I. Im sechsten Kapitel wird an diese Ahnen angeknüpft und
gleichzeitig auf ihre Zurücksetzung durch die
OTTONEN angespielt: Der princeps Bruno, der Ehemann Giselas
und Vater Liudolfs, habe nur den Titel comes getragen, weil OTTO
I. den Dukat, den Brunos Vorfahren innehatten, an den BILLUNGER
Hermann gegeben habe.
Bei zwei weiteren Einträgen, die ebenfalls die Anzahl
der Kanoniker nicht verzeichnen, handelt es sich eindeutig um spätere
Nachträge: Zum 21. Januar ist der Tod von Tanquardus et Bruno comites
in Brunswick und zum Februar der von Oddo comes in Brunswick
verzeichnet [46 Memoirenregister, Registrum ecclesie s. Blasii,
Seite 11 und 12.].
Hatte der im Namen 'Brunswik' enthaltene Personenname
zur Suche nach einem Gründer namens Brun(o) geführt, den
man in dem LIUDOLFINGER Brun (+ 880)
fand, so verleitetet der im ausgehenden 13. Jahrhundert bereits nicht mehr
bekannte und nur noch in den älteren Quellen aufgespürte seltene
Personenname Tancward dazu, hinter diesem namen einen Verwandten
des Braunschweiger Gründers Bruno zu vermuten.
Offergeld Thilo: Seite 569,573,625
*************
"Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im
frühen Mittelalter."
Gleichwohl erweist bereits die vermutlich Ende der 860-er
Jahre erfolgte Verheiratung Liutgards
mit Ludwig dem Jüngeren die LIUDOLFINGER
als
eines der bedeutendsten Geschlechter im Norden des Reiches. 880 begegnet
der dux Brun als Führer der sächsischen Verbände
im Abwehrkampf gegen die Normannen, wie überhaupt die
LIUDOLFINGER
zusammen mit den BABENBERGERN im fränkisch-sächsischen regnum
des jüngeren Ludwig die erste
Stelle nach dem König einnahmen.
[907 Heinrichs Frau war wohl nicht
LIUDOLFINGERIN, wie ewta Büttner/Dietrich, Weserland Seite
140, meinen, sondern, da seine Tochter als neptis regum erscheint
(Agius, Vita Hathumodae c. 2, Seite 167), karolingischer
Herkunft, vermutlich eine Nachfahrin von KARLS
DES GROSSEN Bruder Karlmann;
vgl. Hlawitschka, Herkunft Seite 146-165. Anders freilich Althoff, Amicitiae
Seite 108, der älteren Ansicht folgend die neptis regum für
die Gattin des LIUDOLFINGERS Brun hält.]
Wie andere Reichsaristokraten suchten auch die LIUDOLFINGER
deshalb die Nähe zum karolingischen
Königshaus: Liudolf, der zu den regni principes gezählt
wurde, gelang die Vermählung seiner Tochter Liutgard
mit
Ludwig
dem Jüngeren. Davon konnte zweifellos auch sein Sohn Brun
profitieren, der 880 als Führer des königlichen Heeres
gegen die Normannen
fiel.
oo Liutgard, Tochter Arnulfs
-
Literatur:
-----------
Annalen von Fulda - Althoff Gerd: Die Ottonen.
Königsherrschaft ohne Staat. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln
2000 Seite 17,19,24 - Brüsch, Tania: Die Brunonen, ihre Grafschaften
und die sächsische Geschichte. Herrschaftsbildung und Adelsbewußtsein
im 11. Jahrhundert. Matthiesen Verlag Husum 2000 Seite 26,101,106,113 -
Diwald
Helmut: Heinrich der Erste. Die Gründung des Deutschen Reiches, Gustav
Lübbe Verlag Bergisch Gladbach 1994, Seite 108,115,127,499 - Dümmler
Ernst: Geschichte des Ostfränkischen Reiches. Verlag von Duncker und
Humblot Berlin 1865 - Glocker Winfrid: Die Verwandten der
Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik. Böhlau Verlag Köln
Wien 1989 Seite 257 - Hlawitschka, Eduard: Zur Herkunft der Liudolfinger
und zu einigen Corveyer Geschichtsquelle, in Stirps Regia von Eduard Hlawitschka
Seite 313-377, Verlag Peter Lang Frankfurt am Main - Holtzmann Robert:
Geschichte der sächsischen Kaiserzeit. Deutscher Taschenbuch Verlag
München 1971 Seite 37 - Hrosvit von Gandersheim - Jahrbücher
von Fulda. Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Band VII Wissenschaftliche
Buchgesellschaft Darmstadt 1969 Seite 113 - Krüger, Sabine:
Studien zur Sächsischen Grafschaftsverfassung im 9. Jahrhundert, Vandenhoeck
& Ruprecht Göttingen 1950 Veröffentlichung der Historischen
Kommission für Hannover - Mühlbacher Engelbert: Deutsche
Geschichte unter den Karolingern. Phaidon Akademische Verlagsgesellschaft
Athenaion Seite 376 - Offergeld Thilo: Reges pueri. Das Königtum
Minderjähriger im frühen Mittelalter. Hahnsche Buchhandlung Hannover
2001 Seite 548,569,573,625 - Schölkopf Ruth: Die sächsischen
Grafen 919-1024. Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsens
22. Göttingen 1957 - Schwennicke Detlev: Europäische Stammtafeln
Neue Folge Band I. 1, Vittorio Klostermann GmbH Frankfurt am Main 1998
Tafel 10 -
Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln
zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 1, R. G. Fischer Verlag
Frankfurt/Main 1993 Tafel 11 - Thietmar von Merseburg: Chronik Wissenschaftliche
Buchgemeinschaft Darmstadt 1992 - Wenskus Reinhard: Sächsischer
Stammesadel und fränkischer Reichsadel. Vandenhoeck & Ruprecht
Göttingen 1976 - Wies, Ernst W.: Otto der Große, Bechtle
Esslingen 1989, Seite 40,198 -
Widukind von Corvey: Die Sachsengeschichte.
Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1981 -